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Die SS und ihr Kult

Das Dritte Reich ist auch fast siebzig Jahre nach seinem Untergang allgegenwärtig – in den Medien, in den Schulen, in Filmen, Dokumentationen, Gedenkstätten … und bis heute hat es sich eine Ausstrahlung bewahrt, der sich schwer jemand gänzlich entziehen kann; für die meisten von uns eine Ausstrahlung des Schreckens … doch leider auch eine Ausstrahlung der Bewunderung und Faszination für neonazistische Gruppierungen.
Diese Ausstrahlung ist so immens, dass sich sogar Neonazigruppen außerhalb von Europa die Ideologie des Dritten Reiches zu eigen machen. Wie kann es sein, dass diese abstoßende Faszination, die Anziehungskraft des Bösen, noch immer so viele Menschen verführen und in unserer Gesellschaft so präsent sein kann?
Diese Fragen führten mich schließlich zum Thema meines Romans.
Denn je länger ich recherchierte, desto klarer wurde, dass Teile der Antwort in der SS begründet liegen, die einen richtungsweisenden Teil zum öffentlichen Gesicht des Dritten Reiches beigetragen hat.






Wo liegen die Wurzeln der SS, und woher kamen ihre Ideen?

Die Idee des Antisemitismus wurde nicht im Dritten Reich erfunden, ebenso wenig wie die Idee einer überlegenen blonden und blauäugigen Herrenrasse.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert erfreuten sich Esoteriker wie die Russin Helena Petrovna Blawatzky großer Beliebtheit, welche u. a. den Begriff einer „arischen Wurzelrasse“ prägte.
Es bildeten sich Logen und Vereinigungen, wie die rechtsorientierte Thulegesellschaft. In diesen Kreisen diskutierte man vor allem die eigene rassische Überlegenheit und die Überlegenheit der arischen Rasse an sich.
Auch der junge Adolf Hitler war vor seiner politischen Karriere Gast bei solchen Gesellschaften, später distanzierte er sich jedoch weitestgehend von Esoterikern und ihren Lehren.
Anders war dies beim Reichsführer SS Heinrich Himmler, der selbst überzeugter Esoteriker war. Genau diese Strömungen flossen von Anfang an in die SS mit ein. Wie stark Himmler das Bild des Dritten Reiches und auch seine Taten beeinflusste, gerät unter dem Aspekt der Kriegsgräueltaten oftmals in den Hintergrund.
Himmler nahm also die mythologische Idee um eine überlegene Herrenrasse, welche der sagenhaften Insel Thule entstammt, die weit im Norden liegen soll, und baute sie als Erbe des kommenden Tausendjährigen Reiches und des deutschen Volkes auf.
Und wo die SS anfangs noch ein Verein ohne wirkliche Macht war, der hinter der SA zurückstehen musste, gelang ihr bald der Aufstieg unter Hitler. Denn der „treue Heinrich“, wie Hitler den Reichsführer SS Himmler nannte, verstand es, seine Ideen mit den Wünschen Adolf Hitlers kompatibel zu machen.
Hitler suchte einen Weg, die Juden zu vernichten, Himmler lieferte die Idee der Konzentrationslager sowie eine These, weshalb man Juden oder bestimmte Gruppierungen und Völkerrassen ohne schlechtes Gewissen vernichten darf und sogar muss.
Es war eine Symbiose, die hervorragend funktionierte – und bald war die SS aus der relativen Bedeutungslosigkeit in eine Machtposition aufgerückt.




  



Die SS auf ihrem Höhepunkt

In den kommenden Jahren nach dem Röhmputsch und der Kaltstellung der SA, gelang es Heinrich Himmler, immer mehr staatliche Ämter unter dem Dach der SS zu vereinen – die Polizei, das Rasse- und Siedlungshauptamt, das Reichssicherheitshauptamt, das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt, welches Konzentrationslager, sowie eigens von der SS betriebene Wirtschafts- Gewerbe- und Landwirtschaftsbetriebe steuerte.
Besonders das Rasse- und Siedlungshauptamt trug zum propagandaträchtigen Bild des Dritten Reiches bei, denn es waren Heinrich Himmler und die SS, die den Rassen- und Ahnennachweis einführten und den Germanenkult pflegten.
So tauschte Heinrich Himmler das Weihnachtsfest gegen das nordische Julfest aus oder strebte den Bau von Ordensburgen, wie die heute noch existierende Wewelsburg an, wo er Tagungen und Versammlungen abhielt und wo sich die Führungselite der SS versammelte, um sich ihren elitären Träumen eines gereinigten Deutschlands und überlegenen Reiches hinzugeben.
Auch die Lebensbornheime, von denen irrtümlich behauptet wurde, sie seien Zuchtanstalten, in denen sich blonde deutsche Frauen mit blonden blauäugigen Männern zur Zeugung reinerbigen Nachwuchses zusammenfanden, sind von Heinrich Himmler und der SS ins Leben gerufen worden.
Heute weiß man zwar, dass die Lebensbornheime dazu dienten, Müttern und ihren Kindern einen Zufluchtsort zu bieten – weil sie unverheiratet schwanger geworden waren, weil niemand von der Schwangerschaft wissen sollte – jedoch wurden nur Mütter mit entsprechendem Ahnennachweis aufgenommen, in deren Familien zudem keine Erbkrankheiten bekannt waren. Und natürlich sollten die Lebensbornheime junge Frauen mitunter dazu verführen, sich bereitwilliger außerehelichen Verbindungen hinzugeben und den daraus resultierenden Nachwuchs auszutragen.
Obwohl der Lebensborn also nicht die Zuchtanstalt war, für die sie lange gehalten wurde, forderte Himmler doch in öffentlichen Erlässen junge unverheiratete Frauen dazu auf, sich „unter reinster Gesinnung zur Zeugung von Nachwuchs guten Blutes“ mit Soldaten einzulassen, welche zurück an die Front mussten – besonders bezeichnend ist hier der Erlass der „Letzten Söhne“, der Soldaten von der Front zurückrief und sie aufforderte, Nachwuchs zu zeugen, damit die Linie ihrer Familie nicht mit ihnen aussterbe, sollten sie an der Front fallen. Auch in diesem Zuge wurden per Erlass junge Mädchen und Frauen aufgefordert, sich unter reinster Gesinnung auch unverheiratet zur Zeugung von Nachwuchs bereit zu erklären.
Propagiert wurde von Himmler auch die Friedel-Ehe, nach der jeder deutsche Mann guten Blutes neben seiner Ehefrau mindestens eine Geliebte haben sollte, um Kinder für das Reich zu zeugen.
Heinrich Himmler führte selbst öffentlich eine solche F
riedel-Ehe, aus der auch Kinder hervorgingen.






Die Wewelsburg und die SS in ihrem Selbstverständnis

Heute sind nur noch der Nordtrum und die Krypta in ihrem Ursprungsdekor aus der nationalsozialistischen Zeit erhalten. Heinrich Himmler gab kurz vor Kriegsende den Befehl, die Wewelsburg zu sprengen, was jedoch misslang. Es brach ein Feuer aus, doch die Grundmauern der Burg blieben erhalten.
Auch wenn das im Nordturm befindliche Bodenornament der „Schwarzen Sonne“ heute vor allem mit der Neonaziszene in Verbindung gebracht wird, ist nicht bekannt, welche Bedeutung es für die SS hatte. Ebenso wenig ist bekannt, wofür die Krypta unter dem Nordturm genutzt wurde – man vermutet, dass dort Gräber für hochranginge SS-Offiziere geschaffen werden sollten.
Heinrich Himmler hatte ursprünglich Großes mit der Wewelsburg vor. Er wollte eine Art esoterisches und kulturelles Zentrum rund um die Wewelsburg errichten. Dafür sollte das gesamte Dorf Wewelsburg umgesiedelt werden. Ähnlich der Utopie von „Germania“ sollten riesige Hallen, endlose Gänge, in der sich der Besucher selbst klein vorkam, dafür aber die Größe und Überlegenheit der arischen Rasse spüren musste, geschaffen werden.
Welch gigantische Ausmaße die Anlage erreichen sollte, kann man sich vorstellen, wenn man die erhaltenen Baupläne des Architekten Hermann Bartels ansieht. Auf diesen ist die dreieckige Wewelsburg im Zentrum der Anlage und bildet eine Pfeilspitze, von der aus der Weg als Schaft bis zum Eingang der Gesamtanlage verläuft – Hermann Bartels hatte hier wohl die Germanentheorie von „Wotans Speer“ im Sinn.
Gern bezeichnete sich die SS auch als „Schwarzer Orden“. Sie riegelte die Wewelsburg für Außenstehende ab und wob damit ein Geheimnis um das, was dort stattfand.
Dieses Vorgehen trägt noch heute dazu bei, den Mythos SS und allerlei Verschwörungstheorien aufrechtzuerhalten.




           




Diese kurze Einführung gibt lediglich einen oberflächlichen Einblick in jene Ideologie, die für kurze Zeit in Deutschland ein Weltbild prägte, von dem es uns heute schwerfällt zu verstehen, wie diese Strömung sich durchsetzen konnte.
Ich lege deshalb jedem weitergehend Interessierten die Dauerausstellung „Ideologie und Terror der SS“ ans Herz, die in der Wewelsburg bei Paderborn besucht werden kann.